Man trifft immer wieder von Leuten die von der “Short-Stack Strategie” überzeugt sind. Der zu Grunde liegende Gedanke ist es, sich mit möglichst wenig Geld an den Tisch einzukaufen und dadurch die Gegner unter Druck zu setzen: Man selbst kann aufgrund des kleinen Stacks relativ leicht All-In gehen und – wenn der Gegner sein Spiel nicht anpasst – Geld abgreifen.
Dieser Vorteil ist nicht abzustreiten, aber viele Spieler sind Blind für die beiden großen Schwächen die mit der SSS einher gehen.
1. Durch Short-Stack Strategie verliert man den größten Vorteil den es im Poker gibt
Dadurch, dass wir uns intensiver mit dem Spiel befassen sind wir oft bessere Spieler als die Gegner. Dieses bessere Spielverständnis zahlt sich zwar auch bis zu einem gewissen Maße vor dem Flop aus, aber es ist weitaus wertvoller, wenn erst einmal Karten auf dem Board liegen. Dies kann man sich ganz einfach deutlich machen: In den allermeisten Fällen ist der Vorsprung der besseren Hole Cards Preflop sehr begrenzt. Hält man beispielsweise ein Paar gegen Overcards, dann gewinnt man ca. 55% aller Showdowns. Hält man eine dominante Hand wie AQ gegen A3 ist man zu 70% der Sieger. Und selbst wenn man ein höheren Paar auf der Hand hat als der Gegner, gewinnt man nur in 80% der Fälle. Man sieht also, dass die meisten Matchups ziemlich eng sind und dabei nur relativ kleine Mengen an Geld im Spiel sind. In einem Headsup-Match bedeutet ein Einsatz von $1 auf einen 80%-Favoriten einen durchschnittlichen Gewinn von 60 Cent. Dies ist also definitiv kein Weg um durch Poker reich zu werden.
Zum Vergleich nun ein Blick auf die Möglichkeiten in späteren Spielrunden. Zunächst einmal kann der Vorteil sehr viel größer sein, mit einem guten Flop ist der Gegner schnell der massive Außenseiter, beispielsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von nur noch 16%. Kommt nun der noch ein Turn, kann er bei der selben Hand schon nur noch eine Chance von 8% auf den Sieg haben. Und auf dem River steht der Sieger zu 100% fest, auf dem River eingesetztes Geld ist also zu 100% auch Profit (oder Verlust, wenn man einen Fehler macht und den Gegner falsch einschätzt). Zudem sind die Einsätze in den späteren Setzrunden oft signifikant höher. Da die Einsatzgröße normalerweise von der Größe des Pots abhängig ist, kann man auf dem River oft Wetten sehen, die um ein vielfaches höher sind als die vor dem Flop.
Das folgende Beispiel ist gut geeignet um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen:
Man hält JJ als Button in einem NL25 Spiel und erhöht Preflop auf $1, der Big Blind callt mit ATo. Man geht als 72%-Favorit in die Hand und hat dadurch durch die Preflopwette ca. 33 Cent Profit.
Auf dem Flop kommen T94, der Gegner checkt und man erhöht um $2 in den Pot der ebenfalls $2 groß ist. Der Gegner geht mit, da man inzwischen 80%-Favorit ist, bringt einem diese Wette $1.20 ein. Auf dem Turn kommt eine weitere 4, man setzt $5 in den $6-Pot, wieder callt der Gegner. In diesem Moment ist man schon zu 89% der Sieger, die Wette bringt einem also $3.90 Profit ein. Auf dem River kommt die dritte 4, man geht mit den letzten $17 All-In und der Gegner callt. Diese Wette bringt einem daher weitere 17$ ein.
Besonders auffällig ist, wie viel Geld in den unterschiedlichen Setzrunden gemacht wurde: Preflop nur $0.33, nach dem Aufdecken der Rivercard hingegen $17. Dabei ist zu beachten, dass man, wenn man Preflop All-In gegangen wäre und aus welchem Grund auch immer mit ATo gecallt wird, nur einen erwarteten Gewinn von $11 hat. Das ist weniger als alleine die Riverbet einbringt, wenn man die Hand bis zum Schluss ausspielt. Der Grund darin liegt in der großen Wahrscheinlichkeit noch durch einen Suckout zu verlieren, die auf dem River nicht mehr existiert.
Die meisten Gegner spielen ein eher schlechtes Preflop Poker, aber Postflop sind ihre Fähigkeiten einfach entsetzlich. Wenn man dies nutzt und sie in den späteren Setzrunden ausspielt, kann man Ihnen eine Menge Geld abnehmen. Wenn man aber nach der Short-Stack-Strategie spielt, dann hat man kaum eine Chance nach dem Flop noch aktiv in das Spiel einzugreifen und man verschenkt die große Chance die diese Spielphase einem gibt.
2. Die Short-Stack-Strategie verhindert, dass wir ein besserer Pokerspieler werden
Dieser zweite Punkt ist wahrscheinlich noch wichtiger als der oben genannte: Die SSS ist ein reines Preflopspiel. Man wartet auf starke Hände, platziert hohe Wetten vor dem Flop und pusht egal was für Communitycards auf dem Flop erscheinen. Wenn man so handelt, muss man sich niemals Gedanken über seine Postflop-Strategie machen, man muss nie lernen die Stärke einer gegnerischen Hand einzuschätzen, man braucht keine Readingskills, man muss nie lernen verschiedene Optionen zu sehen seine Hand noch zu verbessern, man muss keine Gesamtstrategien für sein komplettes Spiel entwerfen, kurzum, man muss sich als Pokerspieler nicht weiterentwickeln. Weil alles vorgegeben und geistlos ist, muss man sich niemals voll auf das Spiel einlassen und die meisten SSS-Spieler tun dies auch nicht. Um ein besserer Spieler zu werden muss man sich auf Situationen einlassen, in denen man seine Komfortzone verlässt und sich der Herausforderung stellt. Dabei wird man in genau diesem Moment sehr wahrscheinlich keine großen Profite machen, aber auf lange Sicht wirkt es sich sehr positiv aus: Wenn man sich selbst und sein Spiel verbessert, dann folgen die Profite diesem Trend.
Zusammengefasst ist die Short-Stack-Strategie ein zweischneides Schwert. Einerseits sichert sie einem kurzfristig ein paar Dollar, anderer lässt man sich große zukünftige Gewinne entgehen. Wenn man NL-Poker spielt um sich zu verbessern und zu lernen, dann darf man diesen Lernprozess nicht untergraben indem man den herausforderndsten – und profitabelsten – Teil des Spiels ausblendet.
Man muss sich immer bewusst sein, dass man bei der SSS nur sehr wenig Geld am Tisch hat, also eventuell schon mit All-In in einer Hand involviert ist, bei der andere Spieler auch später noch setzen. Dies ist dann besonders ärgerlich, wenn man am Ende die beste Hand am Tisch hat – aber der zweitbeste ein vielfaches Mehr an Gewinnen einstreicht.